Ein Cartoon von Ralf König zeigt eine schwangere Frau bei der Ultraschalluntersuchung. "Sehen Sie hier den großen schwarzen Fleck?", fragt die Ärztin, und zeigt auf den Bildschirm. "Das ist die Erbsünde."
Seit gut fünf Jahren setzt sich Ralf König, der Lieblingscomicautor der Deutschen, mit den großen Weltreligionen auseinander. Man könnte auch sagen, er zeichnet gegen sie an. In "Dschinn Dschinn" verwandelt er einen sittenstrengen Mullah in einen gut gebauten Flaschengeist, der Jungs wie Mädchen in einer Aachener WG sexuell zur Verfügung stehen muss. In den Bänden "Prototyp" und "Archetyp" erzählt er Schöpfungsgeschichte und Sintflut in einer Weise nach, mit der er zumindest für einen christlichen Medienverbund "die Grenze des Zumutbaren" überschritten hat.
König provoziert. Immer noch. Diesen Sonntag feiert er seinen 50. Geburtstag - und ist vor den Feierlichkeiten aus dem heimatlichen Köln geflüchtet. Provoziert, das hat er von Anfang an. König hämmert mit Knollennasenmännchen und flapsigem Humor gegen gesellschaftliche Verkrustungen, und die meisten Menschen lieben ihn dafür. Die hätten, behauptet König, nämlich auch "keine Lust auf aggressiven, religiösen Bimbam".
Als Ralf König 1987 mit seinen Comicbänden "Das Kondom des Grauens" und "Der bewegte Mann" den Sprung aus der schwulen Subkultur in die Mitte der Gesellschaft schaffte, waren die Deutschen im Nachhinein vielleicht selbst davon überrascht, dass sie es schon so weit gebracht hatten in Sachen Toleranz. Dass Geschichten über penisfressende Kondome, sexuell verwirrte Heteros und Männer, die Waltraud heißen, seinerzeit in jeder Wohngemeinschaft und in manchem Wohnzimmer zu finden waren, lag vor allem an den überragenden Fähigkeiten ihres Autors. Als einer der ersten deutschen Comic-Künstler meisterte König die lange Form, erzählte Comic-Romane, deren Protagonisten derart liebevoll karikiert sind, dass sich auch der interessierte Familienvater von den dargestellten Details schwuler Lebens- und Liebesarten nicht bedroht fühlen muss - zumal König auch die Ängste und Nöte der vorgeblich Normalen ins erhellend Knollennasige zu verwandeln versteht.
Königs Comics funktionieren wie Gesellschaftskomödien. Es wird viel Entlarvendes geredet, und es gibt viel zu lachen, wenn wir den Figuren dabei zuschauen, wie sie sich trotz all des Geredes ihr eigenes Leben bauen. Letztlich geht es dem Mann aus der westfälischen Provinz um Emanzipation, um eine fortwährende Bewegung hin zu immer größerer Freiheit.
König begann bescheiden. Soest, Hauptschule, Tischlerlehre. Dann das Coming-out 1979, als das offene Bekenntnis zur eigenen Sexualität noch alles andere als selbstverständlich war. König schwamm sich frei, studierte an der Kunstakademie Düsseldorf, veröffentlichte erste Comics, in denen er die schwule Szene bespiegelte nach Art des US-Underground-Comics und der französischen Zeichnerin Claire Bretécher. Weil die, so König, in ihren Zeichnungen den ganz gewöhnlich öden Alltag einfing.
Spätestens als die Kinoadaption von "Der bewegte Mann" zu einem der erfolgreichsten deutschen Nachkriegsfilme wurde, und nur noch übereifrige Moralwächter im bayerischen Landesjugendamt wegen König-Titeln Razzien in Buchhandlungen anordneten, wandte sich der Zeichner von den rein schwulen Themen ab, präsentierte seine Version von Aristophanes´ Komödie "Lysistrata" und Shakespeares "Othello", widmete sich in "Hempels Sofa" dem Liebesleiden einer heterosexuellen Psychotherapeutin. Und übt sich nun in Religionskritik, indem er gründliche Recherche und aufklärerische Positionen mit Max-und-Moritz-Reimen und minimalistischen Bildern in subversiven Humor verwandelt - und dabei sanft die Grenzen des Zumutbaren verschiebt.